Mendel’sche Gesetze

Seit Jahren treiben wir nebeneinander her. Für die Augen der anderen unsichtbar. Ab und an ein seltener Blickkontakt. Manchmal ein kleiner Wortwechsel – oberflächlich, um die Gerüchteküche nicht weiter anzuheizen. Dabei scheint es doch so offensichtlich. Wir sind einander so ähnlich. Doch bleibt es eine unausgesprochene Wahrheit.

Ein kurzer Knuff. Eine flüchtige Umarmung.

Heute scheinen wir Beide losgelöst. Ich dank des Rotweins, du des Bieres wegen. Also reden wir. Ungeniert. Während unserer Unterhaltung wird immer wieder spürbar, wie sehr du leidest. Die Sehnsucht zerfrisst dich und dir stellt sich nach wie vor die Frage ‘Was wäre gewesen wenn?’. Ich wünschte ihr hättet auf euch vertraut. Damals. Denn jetzt sitze ich Abend für Abend an einem Tisch mit einem Mann, der seit meiner Geburt einfach nur anwesend war. Der meine Entwicklung zähneknirschend hinnimmt und keinerlei Interesse an meinem Leben hegt.

Und mich trifft eine Erkenntnis. Endlich verstehe ich. Mich ereilt dasselbe Schicksal wie dich; das gebrochene Herz. Ein lebenlang an den einen Menschen denken und an die verpasste Chance, während man versucht das Beste aus dem Leben zu machen.

Doch vielleicht kann ich einen anderen Weg gehen. Den Traum leben, welcher dir abhanden gekommen ist.

Und so hoffe ich, dass wir eines Tages gemeinsam an einem Tisch sitzen werden. Als Vater und Tochter. Das du stolz auf mich bist. Und ich dich widerrum in den Arm nehmen kann, um dir zu zeigen, dass ich dich lieb habe. Um dir zu zeigen, dass ich glücklich bin. Glücklich mit ihm. Mit meinen Entscheidungen.

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