Schneeengel

Ich flüchte. Muss einfach raus. Und so laufe ich, soweit die Füße tragen. Der kalte Wind schneidet förmlich mein Gesicht, während der Schnee zunimmt. Die dicken Flocken hüllen mich gänzlich ein. Es dauert nicht lange und ich füge mich perfekt in diese weiße Winterlandschaft ein. Meine grobmaschige Wolljacke wird vom Schnee verführt, bis die leichte Feuchte ein reinstes Nass ist. Ich fange an zu frieren. Zuerst im Gesicht, dann an den Oberschenkeln. Nach einer Weile spüre ich diese gar nicht mehr. Doch ich will nicht zurück. Zurück zu ihnen.

Ich setze meine Flucht fort. Das Ortsausgangsschild habe ich schon längst hinter mir gelassen. Zu meiner Rechten erstreckt sich ein riesiges Feld. Ein Acker. Brach vom Winter. Einige Krähen finden sich dort ein. Ihr Krächzen kommt einem Klagelied gleich. Wie gerne wäre ich eine von ihnen. Rastlos. Frei. Mit meinen Schwingen würde ich mich jeden Tag auf’s Neue in die Lüfte erheben. Doch so bleibe ich mit beiden Beinen fest im Leben. Jedoch im gleichen schwarzen Federkleid. Demselben Geist. Dem ebenso rauen Krächzen. Mein Schritt wird schneller. Fast hastig. In der Hoffnung der nächste Windzug wird mich mit sich tragen. Vergebens. Stattdessen trocknet er meine Tränen.

Ich laufe, ohne Unterbrechung. Irgendwann komme ich an einem Waldweg vorbei. Die Kulisse scheint einem Märchen entsprungen. Die Bäume fassen sich einander an den Händen und heißen mich willkommen in ihrer weißen Tracht. Ich gehe unter ihnen hindurch. Der festgewordene Schnee knarzt unter jedem meiner Schritte. Und während ich mich im Traum glaube, gehe ich plötzlich zu Boden. Mitten im dichten Schneegestöber durchdringt meine Stimme die Stille.

“I want to know what love is. I want you to show me. I wanna feel what love ist. I know you can show me.”

Es gibt so viele Lieder die mir lieber sind und gerade dieses kommt mir in jenem Moment in den Sinn. Ich singe so laut ich kann, doch irgendwann erstickt mein Weinen jeden möglichen Ton, der es wagt meine Lippen zu verlassen.

Mir wird klar, was ich verloren habe. Und so ergebe ich mich der Kälte.

Advertisements