Wintermädchen

Mein Atem durchbricht die kühle Luft. Ein Schulterblick verrät wohin ich gehe, denn meine Fußabdrücke haben sich in der Schneedecke niederglassen. Kleine Schritte. Ordentlich nach einander. Fast geradlinig. Dabei entspricht das gar nicht meinem Wesen. Viel mehr erinnere ich an ein gut abgemischtes Album. Mal laut, mal leise. Mal hart, mal weich.

Die dicken Schneeflocken fallen auf die Dächer. Der weiße Mantel gibt der Stadt eine ganz eigene Schönheit. Und seit langem fühle ich mich wieder wohl in den Straßen; heimelich. Ein Gefühl welches mir lange ab ging. Ich ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht. Ein Geschenk vergangener Tage. Die Erinnerung ist noch fast greifbar.
Wir waren in Berlin. Der Winter hatte ebenso Einzug gehalten. Trotz der Kälte war es angenehm. Die Sonne stand hoch oben am Himmel. Unter ihrem Lächeln begann der Schnee zu glitzern und funkelte den Besuchern des Weihnachtsmarktes einladend entgegen. Noch immer kann ich fühlen, wie du meine Hand gehalten hast, während wir die kleinen Lädchen passierten. Je näher wir dem Ende kamen, so deutlicher empfing uns der Klang der Violine. Neugierig folgten wir dem Ruf. Lauschten.

Den honiggelben Zopf locker gebunden, während ein haariger Vorhang ihre Augen verdeckte. Die Haut so blass wie Meißner-Porzellan. Ihre Lippen, schmal, von kleinen Lachfältchen umschmeichelt. Trotz der klirrenden Kälte trug sie ein Kleid. Feuerrot. Mit weißen Punkten. Die Füße unbesohlt. So stand sie da. Auf dem zugefrorenen Brunnen und spielte ihr Lied. Die nächsten zwei Jahre haben wir sie immer wieder dort gesehen. Irgendwann jedoch stand statt ihrer, eine Spieluhr auf ihrem Platz und trug ihr Lied in die Welt.

Und während ich zurück in die Wirklichkeit kehre wird mir eines klar: das Leben hat mich vermisst.

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